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26 JAHRE WERBUNG.

Frisch wie ein Bodenseefelchen und mächtig stolz auf mein Einserexamen landete ich nach dem Studium in einer Werbeagentur in Frankfurt am Main. Der Zufall wollte es, dass ich weder Lehrerin noch Bibliothekarin wurde, sondern Juniortexterin.

Eigentlich war es gar keine richtige Werbeagentur, sondern eine Art Reinzeichnungsatelier. Ich durfte große TZ-Anzeigen für ein Hifi-Unternehmen mit Headlines wie „Super Preise“ und vorgegebenen Produktbeschreibungen betexten. Man erklärte mir, dies seien „Schweinebauchanzeigen“ und es käme ohnehin nur auf den Preis an. Nach einem halben Jahr war ich mir sicher, dass Schweinebauchanzeigen nicht das waren, was ich zukünftig machen wollte. Aber immerhin wusste ich nun, was der ADC, Termindruck und eine Reinzeichnung sind.

Ohne Mappe, aber mit dem eisernen Willen, eine brillante Texterin zu werden, stellte ich mich bei einer kleinen Kreativagentur vor. Zu meiner Überraschung klappte es. Von Jochen Beithan lernte ich, wie man einen Folder strukturiert und einen Text schreibt, und von Peter Heßler, wie ein Layout auszusehen hat. Keine Kompromisse. Jede Menge Broschüren und Edelflyer für die Messe Frankfurt, die Allgemeine Kreditversicherung und die Dresdner Bank. Nach zwei Jahren hatte ich begriffen, wie man eine Messe ankündigt, eine Bankfiliale vorstellt oder aus dem Briefing „Wir brauchen eine Imagebroschüre“ anspruchsvolle Unternehmensliteratur macht. Nebenbei hatte ich noch mitbekommen, wie ein Fotoshooting abläuft, was eine perfekte Reinzeichnung ist und dass am Ende alles von der Unnachgiebigkeit des Produktioners abhängt.

Ausgestattet mit diesem Wissen und einer ganz ordentlichen Mappe wechselte ich zu Ogilvy & Mather Direkt (O&MD), heute Ogilvy One. Von Sebastian Clever, Reimer Thedens und Michael Koch, dem kreativsten Dialogwerber Deutschlands, lernte ich das Handwerk der erfolgreichen Kommunikation per Post: Mailings, die Response generieren, weil sie eine Idee haben, sprachlich den Nagel auf den Kopf treffen, tipptopp gestaltet und an den richtigen Empfänger adressiert sind. Den Kunden „persönlich“ an die Hand nehmen und „die Leiter der Loyalität hinaufführen“. Booklets, so dick wie das Frankfurter Telefonbuch. Schreiben, bis der Arzt kommt. Jedes Jahr regnete es Kreativpreise in Gold und Silber. (Das ist dort heute noch so.) Ich las alle Bücher von David Ogilvy, Howard Gossage und Bill Bernbach. Ich erlebte, wie gut es sich anfühlt, in einer Agentur zu arbeiten, die eine großartige Unternehmenskultur hat. Doch nach drei Jahren Dialogmarketing war ich des Langstreckentextens etwas müde. Jetzt wollte ich Anzeigen und Filme machen.

Also schrieb ich einen Brief an Klaus Erich Küster. Denn Briefe schreiben, das konnte ich nun. „KEK“ war Kreativchef von Michael Conrad & Leo Burnett, seine Leute fielen ständig durch preisgekrönte Kampagnen für Fiat, Freundin, Condor, Ellen Betrix, Blaupunkt, Braun etc. auf.

Kurz nachdem ich meinen Brief abgeschickt hatte, kam während eines Briefings plötzlich meine Büronachbarin vom anderen Ende des Flurs herbeigestürzt und holte mich aus dem Meeting. Küster war am Telefon. Ich solle vorbeikommen. Am Sonntag, ob das ginge? Er sei ab Montag beim New York Marathon. Also bei 30 Grad und strahlendem Sonnenschein am Sonntagnachmittag um fünf Uhr bei Leo Burnett auffiguriert. In grellbunten Radlerhosen und mit verspiegelter Sonnenbrille kam mir ein drahtiger Typ entgegen. Hier lang bitte, in mein Büro. An einem überdimensionalen Tisch saßen dort noch drei weitere, ziemlich kritisch dreinblickende Menschen und schwiegen. Als ich nervös zu meinem Vortrag ansetzen und meine Mappe zeigen wollte, riss Küster Wort und Mappe an sich, rupfte alles auseinander und bildete zwei Stapel: gut, scheiße, gut, geht so, gut, oh Gott, wie sieht das denn aus, gut, okay ... Das Ganze dauerte etwa sieben Minuten. Der Stapel „gut“ war höher. Wann ich anfangen könne? Morgen, vielleicht?

Darauf folgten fünf Jahre Michael Conrad & Leo Burnett. Ich traf die Dresdner Bank wieder und lernte noch andere Kaliber kennen: Kellogg’s, Procter & Gamble, Philipp Morris. Dazu alle paar Wochen ein Pitch: Käse, Bier, Champagner, Porzellan, das Bayerische Fernsehen und „Zugmieze“ – der Projektname für Focus, das neue Nachrichtenmagazin. Heute bekanntlich eine feste Größe auf dem Zeitschriftenmarkt. Bald erkannte ich auf den ersten Blick, was eine tragfähige Idee für eine langfristige, integrierte Kampagne ist – und was nicht.

Dann die Markenartikel. Copystrategien mit 15 Mandatories und 25 Don’ts, trotzdem noch was Originelles zaubern. Schwer, aber manchmal funktioniert es. Mit dem „Frosch im Hals“ für Wick Polar Gums (CD Klaus Erich Küster) und der Jubiläumskampagne „65 Jahre Tempo“ (CD Veronika Classen) gelangen uns ganz schöne Filme. Auch Print, insbesondere herausragende Longcopy, war Pflicht: Jeden Monat eine 1/1-TZ-Anzeige (FAZ, Süddeutsche, Handelsblatt) für die Dresdner Bank zum Thema Wertpapiere. Luxus für Kreative. Lange vor dem Internethype war die Dresdner Bank das erste Geldinstitut in Deutschland, das Aktien zum großen Thema machte. Mit unseren Motiven riefen wir bald den damaligen Bundeswirtschaftsminister auf den Plan. Wir sollten es doch bitte schön unterlassen, die deutschen Anleger dazu zu ermuntern, ihr Geld nach Luxemburg zu schaffen. Trotzdem ging alles so lange gut, bis der Vorstandsvorsitzende Dr. Röller eines Tages entdeckte, wie viele Millionen all die „Annoncen“ verschlangen. Die Dresdner ging, die BfG kam. Doch von der Kompetenz für Wertpapiere, die unsere Kampagne in den Augen der Kapitalanleger aufbaute, profitierte „Die Beraterbank“ noch viele Jahre.

Irgendwann, nachdem wir an einem einzigen TV-Spot für einen internationalen Markenartikel zwei Jahre lang gearbeitet hatten und es immer noch Änderungen gab, kam ich ins Grübeln.

Mittlerweile leitete ich meine eigene Gruppe. Die Booklets stapelten sich im Schrank neben zahllosen Storyboards für TV-Spots, die nie erschienen. Ich hatte jede Menge Funkspots geschrieben und produziert, Filmdrehs in London und Los Angeles hinter mir, anstrengende Kreativmeetings mit Michael Conrad in Chicago mitgemacht. Ich kannte nun auch die großartige Kultur von Leo Burnett und mochte sie ebenso gern wie die von Ogilvy. Doch zu jener Zeit hatte ich so ungefähr die Perspektive, alle paar Wochen zum Kunden zu fliegen und unsere Filme zerpflücken zu lassen. Superior Advertising hin oder her - die großen Kampagnen waren seltener, die nationalen Kunden weniger geworden.

Also beschloss ich, in Zukunft „frei“ zu arbeiten. Klaus E. Küster hatte sich mit dem Porsche-Etat selbstständig gemacht und eine eigene Agentur gegründet. Dort gab es für mich viel zu tun: große Projekte für Porsche und die Deutsche Hypothekenbank. Andere Agenturen kamen dazu. Mit Jobs für Bosch, Blaupunkt, Milka, Toblerone, Kellogg’s und WK Wohnen. Auch der Dresdner Bank begegnete ich häufig wieder. Na gut, das ist nun vorbei. Schade um die schöne Marke. Andererseits, liebe Commerzbank: Vielleicht sollten wir ins Geschäft kommen? Es wäre mir eine Ehre.

Ich bekam eine Tochter, heute 14 Jahre alt. Nach der Babypause betreute ich mehrere Jahre lang den kompletten Literaturetat der SV Versicherungen. Die Geschäfte liefen blendend. Bis, ja – 11. September, Internetblase und so weiter. Doch auch diese Krisen überstanden mein Büro und ich gemeinsam.

2005 führte mich der Weg nach Hamburg. Hier kamen neue Aufgaben schneller als erwartet. Zum Beispiel für Interone Worlwide, Städte in Schleswig-Holstein, den Deutschen Tourismusverband und Reinsclassen, Agentur für Sprache. Und, wer hätte das gedacht: gemeinsam mit fishermen communications für die Deutsche Bank in Frankfurt. Endlich ziert auch dieses Flagschiff meine Liste.

Alles zusammen macht das 10 Jahre Agenturbusiness und 16 Jahre erfolgreiche Selbständigkeit. Wie, so genau wollten Sie es nun doch nicht wissen? Warum haben Sie dann bis hierher gelesen?

Schöne Grüße und bis bald.





       
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