„Maximal fünf Bier am Tag“ – zum Tod von Birol Ünel

Birol Ünel 2012

Normalerweise halte ich nichts von diesen RIP-Posts in den sozialen Medien, in denen ganz normale Leute so tun, als wären sie mit einer verstorbenen Berühmtheit bestens befreundet gewesen. Bei Birol Ünel war es anders. Die Nachricht von seinem Tod hat mich wirklich erschüttert und traurig gemacht, ganz so, als hätte ich ihn tatsächlich gekannt. Er wurde nur 59 Jahre alt und gehörte wie ich zu dieser Generation, die in letzter Zeit an allem schuld sein soll, den so genannten Babyboomern. Was uns unterscheidet, ist  seine Migrationsgeschichte, die er unter der Regie von Fatih Akin in „Gegen die Wand“ ikonografisch auf die Leinwand brachte.

Es gibt aber etwas, das diesen Schauspieler und mich noch mehr verbindet als unser Alter und unser Sternzeichen: Birol war Alkoholiker. Ohne die näheren Umstände zu kennen, wage ich zu behaupten, dass er letztlich ein Opfer seiner Sucht war. Dass seine Karriere, seine Freundschaften, seine Beziehungen, seine beruflichen Kontakte, seine Finanzen, sein ganzes Leben – einfach alles – aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit den Bach runter ging.

Einer der besten Filme überhaupt mit einem sensationellen Birol Ünel spielt in Hamburg: „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Ünel spielt den Alkoholiker Cahit, der nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie landet und dort seine große Liebe (Sibel Kekilli) kennenlernt. Foto: privat

Ich werde nie Cahits Blick vergessen, diese Einsamkeit, dieses Zurückgeworfensein auf die nackte Existenz, als er erkennt, dass seine große Liebe nicht ihn wählt, sondern das bürgerliche Leben, das sie vor Jahren gerettet hat. Als er realisiert, dass sie nicht wie verabredet zur Busstation kommt. Ich finde keine Worte, um diesen Ausdruck der Verlorenheit zu beschreiben. Aber ich habe ihn auch schon in anderen Gesichtern gesehen: in den Gesichtern von Alkoholikern, die am Rande ihrer Existenz stehen. Der Film, in dem sie ihre Hauptrolle spielen, ist die Realität. Birol Ünel war für mich ein Schauspieler, der mit jedem Blick, mit jeder Drehung seines Kopfs, mit jeder Aktion, mit jeder Rolle etwas in mir ganz tief berührt hat. Von diesen Schauspielern gibt es nur wenige. Birol Ünel überwand die Distanz zwischen Leinwand und Zuschauer mühelos, für mich war er wie ein Bruder, ich vergaß völlig seinen türkischen Hintergrund. Er war der coole Typ, der große Junge, der lustige Bengel, der eben noch einen Klingelstreich gespielt hat, aber dann plötzlich ein Kochmesser aus der Schürze zieht.

Darüber, dass er Alkoholiker war, hatte ich mir bislang nicht viele Gedanken gemacht, es war irgendwie klar, und er spielte in „Gegen die Wand“ diese Rolle so intensiv wie kein anderer. Erst jetzt, durch seinen Tod, habe ich gelesen, dass er vor einigen Jahren obdachlos geworden war, weil seine WG ihn angeblich rausgeschmissen hatte. Man weiß natürlich nicht, ob es stimmt. Und es hört sich im ersten Moment herzlos an. Aber wir wissen nicht, wie er sich gegenüber seinen Mitbewohnern im Alkoholrausch verhalten hat. Um sich vorzustellen, wie seine Bude ausgesehen haben mag, brauchen wir nur „Gegen die Wand“ anzuschauen. „Dass er Strafanzeigen wegen Beamtenbeleidigung und Schwarzfahren kassierte und Mahnungen einfach ignorierte“, sei bekannt, schrieb Antje Hildebrand in der WELT. Das ist für einen Alkoholiker oder eine Alkoholikerin leider ganz typisch. Sie bekommen nichts mehr geregelt. Das Leben bricht ihnen unter den Fingern weg. Selbst wenn man weiß, dass es eine Krankheit ist, sind betrunkene Alkoholiker:innen für Nüchterne kaum auszuhalten. Sie werden verletzend und aggressiv. Alkohol holt immer und grundsätzlich das Schlechteste aus den Menschen hervor, sobald der Konsum ein gewisses Maß überschreitet. Ja, es hört sich krass an: Für Freunde und Mitbewohner, auch für den Kranken selbst ist es manchmal die einzige Rettung, wenn er rausgeworfen wird und so an einen Tiefpunkt kommt, von dem aus er sich vielleicht helfen lässt. Aber es ist auch der Punkt, an dem viele alkoholabhängige Menschen auf der Straße landen und sich konsequent selbst zerstören, ohne das jemand sie daran hindern kann. Einen der besten Artikel über Birol Ünel schrieb schon vor Jahren Til Biermann in der WELT: Vom Star zum selbstzerstörerischen, sanften Säufer.

Es ist zwar ein Vorurteil, dass die meisten Alkoholiker unter der Brücke schlafen. Aber einige von ihnen landen tatsächlich dort. Foto: privat

Mit einem betrunkenen Alkoholiker kannst du nicht reden. Weder hört er zu, noch  antwortet er irgend etwas Sinnvolles. Du kannst zu einem betrunkenen Alkoholiker auch keine Beziehung herstellen. Es geht nicht. Mit einem betrunkenen Alkoholiker kannst du nur eins tun: trinken. Wie das aussieht, erleben wir tagtäglich an den Alkoholikerspots unserer Großstädte, ob am S-Bahnhof Holstenstraße in Hamburg oder am Kottbusser Tor in Berlin, wo Birol Ünel sich 2015 fotografieren ließ in der Hoffnung, dass sich dadurch vielleicht „was findet“. Wie traurig, dass er an diesen Punkt kommen musste. Und schlimm genug, dass man als Schauspieler:in in Deutschland anscheinend bis auf wenige Ausnahmen kaum überleben kann.

Die Bild Zeitung vermeldete, dass Birol Ünel gerade erst einen Entzug gemacht hatte. Ob es stimmt, weiß ich natürlich nicht. Wenn ja, dann war es wohl zu spät. Er hatte seine Alkoholabhängigkeit bereits 2009 öffentlich gemacht und wollte damit ein Zeichen in dieser Branche setzen. Wie gut ich das verstehen kann! Alle trinken. In der Werbung ist es nicht anders. Es ist so leicht, alkoholabhängig zu werden. Birol war der Meinung, ohne Rausch vielleicht nicht so gut spielen zu können. Ich habe keine Ahnung, wie das ist. Tatsächlich verliert man durch Alkohol Hemmungen, öffnet sich leichter, bewegt sich freier. Andererseits hatte er die Regel, nie betrunken vor der Kamera zu stehen. Zeitweise schaffte Birol Ünel es nach eigener Auskunft, sich auf maximal fünf Flaschen Bier am Tag zu beschränken. Dass er die auch beim Dreh bekommt, ließ er sich sogar in die Verträge schreiben. Ich nehme an, damit meinte er 0,5-Liter-Flaschen. Das wären 2,5 Liter Bier, über den Tag verteilt. Jemand, der nicht an Alkohol gewöhnt ist, wäre damit sturzbetrunken bis ohnmächtig. Ich nehme weiter an, dass es für Birol die Minimaldosis war, um keine Entzugserscheinungen zu bekommen. 

Angenommen, Birol Ünel hätte nach „Gegen die Wand“ (2004) oder nach „Soul Kitchen“ (2009) einen Entzug gemacht und danach eine Reha, das Übliche halt. Und er hätte es mit Hilfe von Therapie und Selbsthilfegruppen geschafft, nüchtern zu bleiben. Wer weiß, was er uns noch für großartige Filme beschert hätte. Wie weit er mit seiner einzigartigen Schauspielkunst noch über sich hinausgewachsen wäre. Und was für ein attraktiver alter Mann er geworden wäre.

Rest in peace, Birol. 🖤




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