Alkoholsucht – Heilung durch Vitamine?

Das neueste Rezept gegen Alkoholsucht: Vitamine. Bild von Bruno Germany

„Die Psyche hat als Erklärung für den Drang nach Alkohol ausgedient, weiß die Forschung heute.“ Und: „Alkoholismus ist eine körperliche Erkrankung.“

Das sind zwei zentrale Thesen des Buchs „Alkohol adé. Der direkte Weg zurück zur Gesundheit“. Die Autorin Gaby Guzek, selbst Alkoholikerin, und ihr Mann und Co-Autor Dr. med. Bernd Guzek, haben gemeinsam ein Buch darüber geschrieben, wie Gaby Guzek ihre Sucht allein mit einem ausgeklügelten Vitamincocktail überwand. „Es sind die Nervenbotenstoffe wie Serotonin, Dopamin, GABA oder Glutamat, die der Alkohol aus der Bahn wirft“, heißt es auf Amazon. „Der Betroffene fühlt sich dauergestresst, niedergeschlagen oder unmotiviert – und greift immer wieder zum Glas, weil der Alkohol kurzfristige Besserung verspricht. Die Suchtspirale dreht sich. Dieses Buch erklärt zum ersten Mal medizinisch präzise aber leicht verständlich, warum ein Ausstieg aus dem Alkohol so schwer ist. Die Hirnchemie läuft Amok – die Willensschwäche ist es nicht.“

Davon haben wir doch alle geträumt, als wir noch getrunken haben: ein paar Pillen gegen die Sucht, und das Thema ist erledigt.

Gaby Gutzek, Dr. med. Bernd Gutzek, Alkohol adé. Der direkte Weg zurück zur Gesundheit, Wien 2020

Jeder und jede Alkoholiker*in kennt das Phänomen des Suchtdrucks. Manche sagen Craving dazu, ich nenne es die Bestie. Das ist das Gefühl, jetzt unbedingt, sofort und unter allen Umständen, einen Schluck Alkohol zu brauchen. Mit zunehmendem Fortschreiten der Erkrankung wird dieser Zwang immer stärker, bis er schließlich in eine völlige Besessenheit mündet und die Person nichts anderes mehr tun kann als zu trinken. Dieser Zwang ist laut Guzek und Guzek ein rein körperliches Symptom, das man ab sofort mit einem ausgeklügelten Vitaminmix heilen kann. Nach vier Wochen ist der Suchtdruck verschwunden, die Alkoholabhängigkeit damit passé.

Aber der Reihe nach.

Alkohol oder Ethanol ist ein Nervengift und wirkt daher toxisch auf die Nervenzellen, die bei missbräuchlichem Konsum nach und nach zerstört werden. Dass Alkohol die Botenstoffe im Gehirn durcheinander bringt, ist daher keine bahnbrechende Erkenntnis. Dass Willens- oder Charakterschwäche nicht die Ursache für Alkoholsucht sind, wissen wir auch nicht erst seit gestern. Neu ist, dass im Zusammenhang mit Sucht meines Wissens bislang noch nirgendwo so gut und so genau erklärt wurde, welcher Botenstoff im Gehirn wofür zuständig ist, welche Symptome durch einen Mangel daran entstehen und wie und womit man diesen Mangel schnellstmöglich beheben kann. Im Zusammenhang mit Alkoholsucht heißt das: Was genau den Suchtdruck und andere psychische Symptome auslöst und welche Vitamine deshalb dagegen helfen. Das sind in der Tat wegweisende Erkenntnisse, die hoffentlich bald systematisch für die Behandlung von Alkoholiker*innen genutzt werden.

Leider konnte ich nicht persönlich ausprobieren, ob dieser Vitamincocktail tatsächlich wirkt, da ich seit über zehn Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr trinke. Aber ich glaube es. Und ich finde es großartig, dass es mit dem „Guzek-Protokoll“ nun eine neue Methode gibt, um den fiesen Suchtdruck in den ersten Wochen des Entzugs zu mildern oder womöglich ganz auszuschalten. Ich bin sehr dafür, dass hierzu wissenschaftliche Studien gemacht werden. Falls diese Studien die Guzek-Methode bestätigen, sollte sie zukünftig bei jeder Entzugsbehandlung zum Standard gehören. Es könnte eine wahnsinnige Erleichterung für so viele Menschen sein. Bevor diese Studien vorliegen, wird das jedoch vermutlich nicht stattfinden. Denn eines muss man hier mal klarstellen: Offiziell wissenschaftlich bestätigt ist die Guzek-Methode als solche bisher nicht. Es wurden zwar jede Menge wissenschaftliche Studien für das Buch ausgewertet, und das sehr genau und überzeugend. Doch die Autoren schreiben selbst, dass ihre Beobachtungen zum „Guzek-Protokoll“ nicht die Anforderungen erfüllen, wie sie an wissenschaftliche Studien gestellt werden. Für die Durchführung von Doppelblindstudien braucht es andere Mittel und Institutionen, als „positive Effekte bei Bekannten und Freunden“ oder auch bei „vorher Unbekannten“ zu dokumentieren (S. 117).

Können bei der Suchtbehandlung eine große Hilfe sein: Vitamine. Bild von Mizianitka


Guzek und Guzek legen sehr detailliert und verständlich dar, wo im Gehirn durch welchen Mangel Suchtdruck und andere Symptome wie Niedergeschlagenheit entstehen, und wie und wo genau welche Vitamine bei welcher Mangelerscheinung Abhilfe schaffen und welches Symptom sie beseitigen können.

Nehmen wir mal den Nervenbotenstoff GABA (Abkürzung von englisch Gamma-Aminobutric acid, Gamma-Amino-Buttersäure), der unter normalen Umständen für Entspannung und einen gesunden Schlaf zuständig ist. Alkohol ahmt die Wirkung von GABA nach, deshalb produziert der Körper bei hohem Alkoholkonsum zu wenig davon. Lässt man dann den Alkohol weg, ist zu wenig GABA im Gehirn, die Folge sind Schlafstörungen und Anspannung. Es macht daher absolut Sinn, während eines Entzugs GABA als Nahrungsergänzungsmitttel zu sich zu nehmen. Auch Tryptophan, die Vorstufe des Glücksbotenstoffs Serotonin, zeigt Wirkung. Da dauernder Alkoholkonsum das Serotoninsystem „in Schutt und Asche legt“ (S. 71), ist es sehr hilfreich, Tryptophan in die Behandlung einzubeziehen, um die Produktion von Serotonin wieder anzukurbeln. So können tatsächlich auch leichte Depressionen behandelt werden, falls Serotoninmangel die einzige Ursache dafür ist. Ein anderes Beispiel ist Vitamin D, das nachweislich stimmungsaufhellend wirkt. Diese Erfahrung habe ich selbst schon gemacht. Schließlich die Palette der B-Vitamine. Sie helfen bei nahezu allen Mangelerscheinungen von Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und schuppiger Haut bis zu Taubheitsgefühlen in Füßen und Händen. Guzek und Guzek liefern zu allen wichtigen Nährstoffen detaillierte Angaben über Wirkungsweise und empfohlene Dosis zur Einnahme.

Unter www.alkohol-ade.com gibt es zusätzlich sehr ausführliche Informationen, zum Beispiel über neue Studien, ein anonymes Forum für Betroffene und eine wirklich umfassende Literaturliste mit zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema.

Gesunde Ernährung wird bei der Behandlung von Erkrankungen oft vernachlässigt. Bild von Aline Ponce

Generell finde ich, dass bei der Behandlung von Erkrankungen, sowohl körperlichen als auch psychischen, die große Bedeutung von Ernährung und Bewegung in der klassischen Medizin viel zu sehr vernachlässigt wird. Ich bin sogar überzeugt davon, dass viele Erkrankungen gar nicht entstehen würden, wenn wir uns mehr bewegen und nicht so viel ungesundes Zeug und industriell verarbeitete Nahrung essen würden. Doch das ist eine andere Geschichte.

Von Guzek und Guzek erfahren wir also, dass viele psychische Symptome der Alkoholsucht gar nicht psychisch bedingt, sondern Symptome eines Mangels an bestimmten Nährstoffen sind. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, die viel mehr Konsequenzen für die Behandlung haben sollte.

In einem Punkt bin ich jedoch völlig anderer Meinung als die Autoren: Die Tatsache, dass Vitamine gegen Suchtdruck und andere psychische Symptome helfen, ist keine ausreichende Begründung für die Behauptung, Alkoholismus sei reine Biochemie, also eine körperliche Erkrankung und habe mit der Psyche nichts zu tun.

Wenn ich allein an die vielen Alkoholiker*innen denke, die als Kinder oder als Erwachsene Gewalt erlebt haben. Ich habe viele Vergewaltigungsopfer kennengelernt, die durch diese Erfahrung traumatisiert waren und in die Sucht gerutscht sind, weil sie zunächst versucht haben, die Symptome ihrer Posttraumatischen Belastungsstörung mit Alkohol zu bekämpfen. Bei Männern waren es oft gewalttätige oder alkoholabhängige Väter, durch die sie schon als Kinder ein angeknackstes Selbstwertgefühl bekamen und dieses später mit Alkohol kompensiert haben. Ich glaube nicht, dass ein paar Vitamine für diese Menschen langfristig ausreichen würden, um ihre Sucht nachhaltig zu überwinden. Gegen den anfänglichen Suchtdruck und körperliche Folgeschäden des Alkoholkonsums mögen sie zwar helfen. Aber um die seelischen Verletzungen zu heilen, braucht es eben doch Therapie, und das fortwährend zu bestreiten, halte ich für ein fatales Signal.

Bewegung sorgt dafür, dass Endorphine ausgeschüttet werden, und verbessert so nachweislich die Stimmung. Bild von auf wal_172619

Warum? Nehmen wir nur mal an, eine solche traumatisierte oder depressive Person würde sich mit Hilfe von „Alkohol adé“ selber heilen. In den ersten Wochen läuft das Ganze super, es geht ihr zunehmend besser. Aber nach einer Weile kommen die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung oder der Depression wieder. Zum Beispiel Panikattaken oder Suizidgedanken. Was dann? Womöglich versäumt es die Person dann, sich die dringend notwendige ärztliche oder therapeutische Hilfe zu holen, weil sei glaubt, das sei ja nur ein Vitaminmangel.

Auch Depressionen werden von Guzek und Guzek als rein körperliche Erkrankung eingeordnet. Zum Teil ist das richtig, zum Beispiel, wenn die Ursache ein Mangel an Vitamin D ist. Aber Depression hat in aller Regel nicht nur eine biologische, sondern auch eine psychische und eine soziale Komponente. Wenn die Depression zum Beispiel durch unverarbeitete Verlusterfahrungen oder durch Einsamkeit entstanden ist, dann reicht eine Behandlung mit Vitamin D oder anderen Nahrungsergänzungsmitteln nicht aus. Dann muss diese verdrängte Trauer erst mal verarbeitet oder der Einsamkeit Abhilfe verschafft werden, und dafür eignet sich nun mal am besten Therapie.

Eine gute Psychotherapie ist bei den meisten Suchterkrankungen immer noch die beste Hilfe. Bild von Oliver Kepka

Mich stört außerdem der überhebliche Ton und die wiederholte Abwertung sämtlicher Perspektiven außer der eigenen, nämlich der rein symptomatisch orientierten Schulmedizin. Besonders die fortwährenden Sticheleien gegen psychologische Behandlungen im Suchtbereich finde ich unangemessen. Phasenweise klingt es so, als hätten ganze Generationen von Psychologen und Psychiatern nur Blödsinn erzählt.

Immerhin wird das „kontrollierte Trinken“ als Schimäre entlarvt und den Selbsthilfegruppen zugestanden, dass sie „bestimmten Menschen“ wohl doch helfen. Also vermutlich Menschen wie mir, die kein Problem damit haben, zuzugeben, dass sie ordentlich einen an der Waffel haben. „Eine garantierte Methode für den Alkoholausstieg gibt es nicht“ – auch das wird von Guzek und Guzek klar gesagt, und sei es nur, um sich persönlich abzusichern.

Im dritten Teil ihres Buchs gehen die Autoren ausführlich darauf ein, dass es dann doch nicht so einfach ist, wie es zu Beginn des Textes geklungen hatte. Hier kommen die Hinweise, die häufig auch Bestandteil einer Entzugsbehandlung sind: der Hinweis auf ärztliche Behandlung, einen möglichen Klinikaufenthalt, Selbsthilfegruppen, die Wohnung als alkoholfreie Zone, Freundeskreis überprüfen, Umgang mit Rückfällen, Stress, allgemeine Höhen und Tiefen. Im Grunde also psychologische und Verhaltenstipps, das neue Leben ohne Alkohol gut zu meistern.

Fazit:

Eine Vitaminkur, wie Guzek und Guzek sie entwickelt haben, ist bei einem Alkoholentzug zur Linderung des Suchtdrucks, zum Auffüllen der Nährstoffspeicher und zur körperlichen Heilung von Schäden durch Alkohol unbedingt zu empfehlen und wahrscheinlich sehr wirkungsvoll.

Daraus jedoch die Behauptung abzuleiten, Alkoholismus sei eine rein körperliche Erkrankung, halte ich nicht nur für falsch, sondern auch für leichtfertig. Denn so suggeriert man Betroffenen, mit einer vierwöchigen Vitaminkur alles in den Griff zu bekommen. Was mit Sicherheit nicht funktionieren wird – oder zumindest nur bei Alkoholiker*innen, die nie auch nur den Hauch eines psychischen Problems hatten. Kennt jemand eine solche Person? Ich nicht.

Eine langfristige Heilung und glückliche Abstinenz wird jedoch nur gelingen, wenn auch die psychischen Ursachen der Sucht erforscht und therapiert werden, wenn man mögliche negative Lebensumstände ändert und wenn eine persönliche Entwicklung stattfindet.

Vitamine können eine entscheidende Unterstützung sein, aber sie allein reichen nicht.


Die Beiträge auf dieser Website sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen. Ich schreibe hier über meine persönlichen Erfahrungen, äußere meine subjektive Meinung oder gebe Informationen wieder, die im Internet frei zugänglich sind. Keiner dieser Artikel kann einen Besuch beim Arzt oder Therapeuten ersetzen. Bitte nimm professionelle Hilfe in Anspruch, falls du ähnliche Erfahrungen gemacht hast oder glaubst, von einer der erwähnten Erkrankungen betroffen zu sein.


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