Abstinenz. Immer ein Grund zu feiern.

Muss wirklich bei jeder Feier Alkohol in Strömen fließen? Nein. Feiern macht auch ohne Alkohol Spaß. Ich schwör. Bild von henlfern

Abstinenz, das Schreckenswort. Für viele ist dieser Begriff gleichbedeutend mit Verzicht und Verlust, Geißel und Strafe. Manche denken an arme, spaßbefreite Geschöpfe, an militante Abstinenzler, lustfeindliche Frömmler, an griesgrämige Antialkoholiker oder fanatische Missionierer, die sich den Alkohol zum persönlichen Feind erkoren haben und ihn als Werk des Teufels dämonisieren.

Viele Alkoholiker stellen es sich deshalb schrecklich vor, abstinent werden zu müssen. Auch meine größte Angst war nicht etwa, bei weiterem Alkoholkonsum eine Leberzirrhose zu riskieren. Sondern dass mein Leben ohne Alkohol keinen Spaß mehr machen würde. Wie sollte ich unser Hausfest ohne Sekt und Wein überstehen? Vor lauter Frust habe ich mir bei dieser Horrorvorstellung gleich die nächste Flasche aufgerissen.

Heute weiß ich, das das alles nur erlernte Vorurteile und alte Glaubenssätze sind, die mit der Wahrheit rein gar nichts zu tun haben. Ja, es gibt solche Leute. Von Gruppen, bei denen sie in der Mehrheit sind, kann man sich tunlichst fern halten.

Als alkoholabhängiger Mensch, der es geschafft hat, mit dem Trinken aufzuhören, hat man in der Regel einen langen Weg hinter sich und eine absolute Höchstleistung vollbracht. Deshalb ist schon die Abstinenz allein ein echter Grund zu feiern. Erst recht, wenn man die Abstinenz durchhält. Das müsste man eigentlich jeden Tag feiern. Oder jeden Monat. Zumindest aber jedes Jahr. Denn an dem Tag, an dem man aufgehört hat zu trinken, hat man sich ein neues Leben geschenkt.

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Aber wie geht das, feiern ohne Alkohol? Genau so: feiern ohne Alkohol. Allerdings muss man dafür wieder einen alten Glaubenssatz neu überschreiben. Nämlich den, dass Alkohol zu einer Feier einfach dazu gehört. Denn das ist nun mal völliger Quatsch. Ich habe inzwischen so viele Feiern erlebt, bei denen es keinen Tropfen Alkohol gab und trotzdem laut gelacht und gescherzt wurde. Grillfeste, bei denen es genauso leckere Sachen gab wie früher und bei denen sich die Gäste prima unterhalten haben.

Ein paar Unterschiede gibt es jedoch zu den Feiern, die man von früher kennt. Alle haben verstanden, was die Gesprächspartner sagten. Und um elf Uhr abends war die Feier zu Ende. Niemand hatte Lust, seinem Gegenüber dreimal hintereinander dieselbe Geschichte zu erzählen, und vor allem hatte keiner Lust, dreimal derselben Geschichte zuzuhören. Auf einen Kater am nächsten Tag konnten wir ebenso gut verzichten. Und wir räumten gemeinsam alles auf, sodass der nächste Morgen für die Gastgeber nicht zum Alptraum wurde.

Was die Sache jedoch erheblich leichter macht: am besten gleich mit trockenen Alkoholikern feiern. Oder mit Leuten, die kein Alkoholproblem haben. Doch, die gibt es! Man muss sie nur finden. Denn was ohne Alkohol absolut keinen Spaß macht: anderen dabei zuzusehen, wie sie sich betrinken. Ja, ein-, zweimal kann das lustig sein. Man sieht dann, wie man selbst früher drauf war. Nicht immer eine angenehme Erfahrung.

Am Anfang meiner Abstinenz dachte ich noch, dass ich auf den üblichen Partys eben keinen Alkohol trinke. Gute Freunde, die wussten, dass ich mit dem Trinken aufgehört hatte, waren sogar so freundlich, alkoholfreie Getränke für mich zu besorgen. Ich versuchte, alles so aufrecht zu erhalten, wie es vor meiner Abstinenz war. Doch das funktionierte nicht. Beim Anblick all der Bierflaschen, Sekt- und Weingläser bekam ich Suchtdruck – die Bestie meldete sich prompt zurück. Ich musste dann die Situation verlassen, um einen Rückfall zu vermeiden.

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Mit der Zeit bekam ich den Eindruck, dass man erleichtert war, wenn ich nicht mehr zu den Festlichkeiten erschien. Dass die anderen sogar froh sind, wenn sie keine „Spaßbremse“ an Bord hatten. Spiegelt eine trockene Alkoholikerin ihnen doch immer ihr eigenes, problematisches Trinkverhalten. Denn dass die meisten meiner früheren Freunde fast durchweg ein sehr, sehr enges Verhältnis mit „König Alkohol“ haben, ist mir inzwischen klar geworden.

Für Abstinenz-Greenhorns mag sich das beängstigend anhören. Ist es aber nicht. Es gibt so viele Menschen, die entweder trockene Alkoholiker sind oder aus anderen Gründen keinen Alkohol trinken. Wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, findet man sie. Da sind garantiert ein paar neue Freunde dabei, mit denen man rauschende Feste feiern kann. Und zwar ganz ohne Rausch.


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2 Antworten auf „Abstinenz. Immer ein Grund zu feiern.“

  1. Hallo Frau Noack, ich lese gerade mit großem Interesse Ihr Buch und habe jetzt auch schon öfters Ihre Website besucht. Ich musste mir jetzt Anfang Dezember bitterlichst eingestehen, das ich alkoholkrank bin und eine Rückkehr zu einem halbwegs kontrolliertem Konsum ist mir wohl nicht mehr möglich. Seit dem 06.12.20 habe ich nun keinen Alkohol mehr angerührt, das in der (Vor)Weihnachtszeit und Silvester. Es war schrecklich für mich, die anderen mehr oder weniger haltlos trinken zu sehen. An Heiligabend wäre ich am liebsten zeitig ins Bett gegangen, das hätte aber keiner verstanden. Da mein Mann auch kein Kostverächter ist, fällt es mir um so schwerer. Er versucht jetzt, wenn wir zu zweit sind, nicht in meiner Gegenwart zu trinken. Ich merke aber, wenn er es heimlich tut. Ende Januar habe ich meinen 53. Geburtstag (bin also in etwa so alt wie Sie, als Sie aufhörten). Ich bin jetzt froh, dass auf Grund der neuen Corona- Verordnung, ich meinen Geburtstag nicht groß feiern darf/muss. Der Gedanke, dass ALLE mit Sekt anstoßen und ich, als Hauptperson, nichts davon trinken darf, macht mich sehr betroffen bzw. unglücklich. Sie sehen also, ich bin noch ein Greenhorn und habe wohl noch einen langen Weg vor mir. Das macht mir Angst! Vielleicht haben Sie noch einen guten Rat für mich!?
    Ich bin ja momentan ganz froh, dass man sich zu Hause einigeln muss, wegen der derzeitigen Lage. Ständige Einladung zu irgendwelchen Parties sind erst mal out. Ich würde mich sehr über eine Antwort von Ihnen freuen! Bleiben Sie gesund!

    1. Liebe Kerstin,
      ganz herzlichen Glückwunsch! Mit dieser Entscheidung haben Sie schon den schwersten und wichtigsten Schritt getan. Ja, ich habe einen Rat: Zweifeln Sie diese Entscheidung jetzt nicht mehr an, komme, was da wolle. Bleiben Sie dabei. Ganz stur. Und scheuen Sie sich nicht, zu einer Beratungsstelle zu gehen und sich professionelle Hilfe zu holen. Alles, alles Gute für Sie! Glauben Sie mir, es lohnt sich. Unbedingt.

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