Ästhetisierung. Verherrlichung. Verharmlosung.

Aaaahhhhh – jetzt erst mal einen großen Schluck frisches Spülmittel.

Gülden, frisch und verlockend, in ozeanischen Wellen mit Schaumkronen wie bei der Geburt von Aphrodite aus dem Meer, schwappt ein kühles Blondes über den ganzen Bildschirm, fließt dann in Zeitlupe in ein perfektes Glas, Kronkorken – natürlich mit Markenlogo – schweben aus dem Universum auf einen klinisch reinen, hoch glänzenden Lacktresen, auf dem mit Haarspray fixierte Wassertropfen wie Diamanten funkeln, auf dem das Glas nun abgestellt, nein – mit perfekt manikürten Fingern deponiert wird, um schließlich in ein ikonisches Schlussbild überzugehen, so überirdisch, so perfekt, wie man es noch die gesehen hat, und dann verkündet uns der Offsprecher, der sonst vermutlich berühmte Hollywoodschauspieler sychnronisiert, dass es sich bei diesem Gesöff um die Wahrheit handele. Mit allen technischen Mitteln, Licht, Hochleistungskameras, einem berühmten und hochbezahlten Regisseur, der im Filmen von Bier ein absoluter König ist, mit Spülmittel für den Schaum und Lecithin, damit die Wassertropfen am Glas kleben bleiben, wird die Plörre zu einem ästhetischen Wunderwerk hochgeschaukelt, das bei Bierliebhabern sofort Durst auslösen soll und es in der Regel auch tut. Das ist Werbung.

Eines der ersten Dinge, die ein Abstinenz-Greenhorn, dessen Lieblingsgetränk einstmals Bier war, lernen muss, ist es deshalb, mit diesen massiven Reizen aus der Außenwelt umzugehen und sich mental vor solchen Triggern zu schützen. Man muss sich eine Art Rüstung zulegen, die die geheimen Verführer der Alkoholindustrie nicht durchdringen können. Eine kleine Hilfe mag dabei vielleicht sein, sich bewusst zu machen, dass die Realität ganz anders aussieht: Der Schaum fällt in kürzester Zeit zusammen, die Tropfen des beschlagenen Glases rinnen auf den Bierdeckel und lassen diesen zu Matsch werden, und nach wenigen Minuten ist das Bier abgestanden. Vor allem: Regelmäßig und in größeren Mengen konsumiert, macht der darin enthaltene Alkohol abhängig. Und wenn das erst mal passiert ist, hat das Bier rein gar nichts Ästhetisches mehr an sich.

Oans, zwoa, gsuffa!


Auch beim größten kollektiven Besäufnis der Welt, dem Oktoberfest, können wir die Folgen der vielen Maßen beobachten. Für Nicht-Oktoberfest-Kundige: Eine Maß, Plural Maßen, ist der Ein-Liter-Humpen, wie er dort ausschließlich serviert wird. Einerseits überhöhen Wirte und Besucher der Wiesn den Gerstensaft zum Heiligtum, mit steigendem Pegel tanzen die Gäste auf den Tischen und grölen immer lauter die bekannten Trinklieder. Auf der anderen Seite wird nach den Exzessen im Zelt draußen getorkelt, gepisst, gekotzt und ins Koma gefallen, was das Zeug hält. Heißt nicht sogar ein Rasenstück „Kotzhügel“? Bildhafter kann man es kaum zusammenfassen. Menschen, die nüchtern bleiben wollen oder einen moderaten Alkoholkonsum pflegen, wird man auf der „gmiatlichen Wiesn“ vermutlich eher selten finden.

Nun sagen viele: Wollt ihr uns denn auch noch den Rausch verbieten? Natürlich nicht. Jeder kann schließlich selbst entscheiden, wie oft und in welchem Maße er sich berauschen möchte. Das sieht übrigens auch die Alkoholindustrie so. Selbst dort ist jedoch mittlerweile angekommen, dass Alkohol abhängig macht. Im Gegensatz zur Tabakindustrie, die jahrelang geleugnet hat, dass Nikotin abhängig mache, sich damit eine blutige Nase geholt und Milliarden an Schadenersatzforderungen eingefangen hat, ist man in den PR-Agenturen der Alkoholindustrie klüger geworden und hat aus diesem Desaster gelernt. Nein, man bestreitet gar nicht die Gefahren, die vom Alkohol ausgehen. Deshalb fährt man große Kampagnen, um dem werten Konsumenten nahezulegen, Alkohol nur in vernünftigen Mengen zu trinken und damit Bitteschön verantwortlich umzugehen. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Verantwortung dem Verbraucher zugeschoben wird. Wir Doofies sind also selbst schuld, wenn wir mit Alkohol nicht umgehen können und deshalb alkoholabhängig werden. Die Industrie ist damit fein raus. Und, by the way, ist es längst nachgewiesen, dass diese Kampagnen keinerlei Wirkung haben, was auch volle Absicht ist. Denn sonst würde der Absatz der Industrie um zwei Drittel einbrechen und die ganze Branche zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Das darf natürlich nicht geschehen.

Die toxische Wirkung des Nervengifts Ethanol wird hingegen gern verharmlost, wenn nicht gar verleugnet oder zumindest verdrängt, nicht nur in den Werbespots der Industrie, sondern auch in unserer Gesellschaft. Denn Feiern gehört nun mal dazu. Immer und überall. Wer interessiert sich während einer Party oder eines tollen Essens schon dafür, dass Alkohol schon in kleinen Mengen jedem Organ des Körpers schadet? Was für größere Mengen oder rauschhaftes Trinken erst recht gilt. Denn die gesundheitlichen Schäden entstehen erst mit Verzögerung, im Moment des Trinkens merkt man nichts davon. Höchstens der Kater am nächsten Morgen erinnert einen daran, dass es am Abend zuvor vielleicht „etwas viel“ war. Aber der geht ja wieder weg, sobald der Körper den Alkohol unter vollem Einsatz der Leber wieder abgebaut hat. Allerdings sind zur schädlichen Wirkung von Alkohol bei weitem nicht so viele Informationen in der Öffentlichkeit präsent wie das Ästhetische und Genussvolle in der Werbung. Solche Informationen werden gern im Kleingedruckten versteckt.

„Der globale Rausch“, 2020. Dokumentarfilm von Grimmepreisträger Andreas Pichler. Mit sehr interessanten Zahlen im Zusammenhang mit Alkohol.


Sehr aufschlussreich zu diesem Thema ist der Dokumentarfilm „Der globale Rausch“ von Grimme-Preisträger Andreas Pichler, der seit Januar 2020 in ausgewählten Kinos läuft, anschließend auf Arte ausgestrahlt wird und dort in der Mediathek zu sehen ist. Aber auch Andreas Pichler erliegt der Versuchung, Alkohol und alkoholische Getränke ästhetisch zu überhöhen. Vermutlich gehört es für einen Filmemacher einfach zum Berufsethos, schöne Bilder zu produzieren. Das ist in diesem Film auf jeden Fall gelungen.

Seltsam, als ich noch Alkohol getrunken habe, war mir das alles gar nicht bewusst. Dass Alkohol praktisch überall so präsent ist, dass man ihm kaum entrinnen kann, fiel mir erst auf, als ich abstinent geworden war und versucht habe, das zu bleiben. Die Wahrnehmung hat sich verschoben, das geht den meisten so, die mit dem Trinken aufhören.

Wer also noch viele Jahre lang sein Feierabendbier oder ab und zu ein Glas Wein genießen und sich von Zeit zu Zeit einen kleinen Rausch gönnen möchte, tut gut daran, seinen Alkoholkonsum frühzeitig kritisch zu überprüfen. Nämlich bevor eine Abhängigkeit eingetreten ist und es deshalb mit dem Rausch ganz vorbei ist.

Na dann, Prösterchen!


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